Dein Unternehmen steht vor der SAP-Einführung. Die Erwartungen sind hoch – effizientere Prozesse, bessere Datenqualität, digitale Transformation. Doch dann beginnt das Projekt – und plötzlich tauchen Fragen auf, die niemand beantworten kann: Welche Prozesse haben wir überhaupt? Wie arbeiten Vertrieb und Produktion zusammen? Wo entstehen heute Brüche?
Die häufigste Falle: Unternehmen starten mit der Auswahl von SAP-Modulen, bevor sie ihre eigene Prozesslandschaft transparent gemacht haben. Das ist, als würdest Du Möbel kaufen, ohne die Raummaße zu kennen. Es kann gutgehen – muss es aber nicht.
Die Lösung ist einfach: Du brauchst zuerst ein solides Bild Deiner Prozesslandschaft, bevor Du die SAP-Standards auswählst. In diesem Artikel zeige ich Dir, wie dieser Weg aussieht – und warum er Dich langfristig schneller, flexibler und günstiger macht.
Das erwartet Dich:
- Was SAP wirklich unter "Standard" versteht
- Der häufigste Fehler bei SAP-Projekten – und wie Du ihn vermeidest
- Der richtige Weg: Prozesslandschaft erst, SAP dann
- Warum dieser Ansatz nachhaltig ist
AUF DEN PUNKT GEBRACHT
Kernaussage: Du brauchst zuerst ein solides Bild Deiner Prozesslandschaft, bevor Du SAP-Standards auswählst.
Der häufigste Fehler: Unternehmen starten mit SAP-Modulen, bevor sie ihre End-to-End-Prozesse kennen → führt zu übermäßigem Customizing, Projektverzögerungen und hohen Wartungskosten.
Die Lösung in 4 Schritten:
- Prozesslandkarte mit Giersberg®-Prozessmodell erstellen
- Relevante Geschäftsprozesse dokumentieren (mittlerer Detaillierungsgrad)
- Gemeinsam mit SAP-Partner Fit-to-Standard-Analyse durchführen
- Bewusst entscheiden: Standard nutzen, wo er passt – anpassen, wo es wirklich zählt
Das Ergebnis: Weniger Wartung, schnellere Updates, bessere Skalierbarkeit, höhere Mitarbeiterakzeptanz – und eine tragfähige Basis für digitale Transformation.
Lesezeit: ca. 12 Minuten
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Was sind SAP Standardprozesse?
Wenn in Deinem Unternehmen das Thema SAP-Einführung auf den Tisch kommt, fällt schnell der Begriff "SAP Standardprozesse". Doch was bedeutet das eigentlich? Viele stellen sich darunter starre Abläufe vor, nach denen alle Unternehmen gleich arbeiten müssen – eine Art Einheitsbrei. Das ist ein Missverständnis, das teuer werden kann. Lass uns gemeinsam klären, was SAP wirklich unter "Standard" versteht und warum dieses Verständnis der erste Schritt zu einer erfolgreichen SAP-Einführung ist.
Was SAP unter "Standard" versteht
Der SAP-Standard ist ein vordefinierter Prozessfluss mit vorkonfigurierten Einstellungen, den SAP für bestimmte Branchen und Länder bereitstellt . Stell Dir das vor wie eine professionelle Vorlage: Die generelle Grundstruktur ist durchdacht und erprobt – aber Du musst sie an Deine Umgebung anpassen.
Der Standard ist als Ausgangspunkt und Leitplanke gedacht: flexibel, kein One-size-fits-all. Er soll Dein Projekt beschleunigen, nicht einschränken. Das Ziel ist die Ausrichtung Deiner Unternehmensprozesse an diesen Standardfunktionen – soweit es geschäftlich sinnvoll ist.
SAP versteht die Standardprozesse als Abbild der „besten bekannten" Art, einen Geschäftsprozess in einer bestimmten Branche oder Funktion mit SAP abzubilden. Diese Erkenntnis basiert auf tausenden Implementierungen durch SAP-Partner weltweit. Die gesammelten Erfahrungen dieser Partner werden in Form vordefinierter Prozessketten, Stammdatenstrukturen und Konfigurationen gebündelt. Sie sind als technischer und fachlicher Referenzstandard in S/4HANA mitgeliefert und ständig verfügbar [1].
Beispiele für typische SAP Standardprozesse
Damit Du ein Gefühl dafür bekommst, was mit "SAP Standardprozesse" gemeint ist, hier einige Beispiele aus der Praxis:
- Order-to-Cash (O2C): Vom Kundenauftrag über die Lieferung bis zur Rechnung und Zahlung
- Purchase-to-Pay (P2P): Vom Bedarf über Bestellung und Wareneingang bis zur Bezahlung der Lieferantenrechnung
- Plan-to-Produce: Von der Produktionsplanung über die Fertigungssteuerung bis zum fertigen Produkt
- Hire-to-Retire: Von der Mitarbeitersuche über Einstellung und Personalentwicklung bis zum Austritt
- Record-to-Report: Von der Buchung über die Konsolidierung bis zur Finanzberichterstattung
Diese End-to-End-Prozesse sind in SAP bereits als logische Abfolgen hinterlegt – mit allen dazugehörigen Funktionen, Datenflüssen und Schnittstellen.
Warum Standard nicht gleich Standard ist
Hier wird es spannend: Der SAP-Standard ist kein einzelner, starrer Prozess, sondern eine Sammlung verschiedener Szenarien. Denn selbst innerhalb eines Prozesses wie Purchase-to-Pay gibt es unterschiedliche Wege – je nachdem, wie Dein Unternehmen arbeitet.
Ein Beispiel: Der Purchase-to-Pay-Prozess hat im SAP-Standard mehrere Ausprägungen:
- Beschaffung für Lagerproduktion: Du bestellst Material auf Vorrat, das später in der Fertigung verarbeitet wird
- Beschaffung für einen konkreten Kundenauftrag: Das Material wird erst bestellt, wenn ein Kunde eine spezifische Bestellung aufgegeben hat (Make-to-Order)
- Beschaffung von Dienstleistungen: Hier geht es nicht um physische Waren, sondern um externe Leistungen (z.B. Wartung, Beratung)
Jedes dieser Szenarien folgt einer anderen Logik – von der Bedarfsermittlung über die Genehmigung bis zur Zahlung. SAP bietet für diese Varianten vorkonfigurierte Prozessabläufe an, die Du auswählen und kombinieren kannst [1].
AUF DEN PUNKT GEBRACHT
"Standard" heißt nicht "Einheitslösung", sondern "bewährte Varianten zur Auswahl". Die Kunst liegt darin, das richtige Szenario für Deinen konkreten Fall zu identifizieren – und genau dafür brauchst Du zuerst Klarheit über Deine eigene Prozesslandschaft.
"Fit-to-Standard" ist kein Verzicht auf Individualität
Hier liegt das größte Missverständnis: "Fit-to-Standard" bedeutet nicht, dass Du Deine Prozesse 1:1 an SAP anpassen musst. Es bedeutet vielmehr, dass Du prüfst: "Wo kann ich die Vorkonfiguration nutzen – und wo brauche ich tatsächlich eine Anpassung?"
Denk an einen gut geschneiderten Anzug: Der Schnitt folgt bewährten Prinzipien (Ärmel, Kragen, Taschen), aber die Passform wird auf Dich angepasst. Genauso verhält es sich mit SAP Standardprozessen. Sie geben Dir die Struktur vor – aber innerhalb dieser Struktur hast Du Spielraum für Deine Besonderheiten.
Das Ziel ist sinnvolle Anpassung: Nutze den Standard, wo er passt. Passe an, wo Dein Geschäftsmodell es wirklich erfordert. Customizing um des Customizings willen vermeiden – das spart Dir langfristig Wartungskosten und macht Upgrades deutlich einfacher [1].
Mein Tipp
Mache zuerst einen "Fit-to-Standard".
Prüfte, wie Du Deine Geschäftsprozesse möglichst nah an den SAP Best Practices ausrichtest – ohne individuelle Anforderungen zu ignorieren. Du nutzt den Standard als Basis und passt nur dort an, wo es echten Mehrwert bringt.
Der häufigste Fehler: SAP vor Prozessen
Jetzt wird es konkret: Was passiert, wenn Unternehmen SAP einführen, ohne vorher ihre Prozesslandschaft transparent zu machen? Die Antwort ist ernüchternd – und teuer. Der häufigste Fehler in SAP-Projekten ist nicht mangelnde Technik-Kompetenz. Es ist die falsche Reihenfolge.
Stell Dir vor, Du baust ein Haus und lässt den Architekten die Möbel aussuchen, bevor der Grundriss steht. Klingt absurd? Genau das passiert in vielen SAP-Projekten: Der Implementierungspartner schlägt SAP-Module vor, während die tatsächlichen End-to-End-Prozesse im Unternehmen noch im Nebel liegen.
Bildlicher Vergleich: Möbel vor dem Grundriss
Das ist, als würdest Du Möbel kaufen, bevor Du die Raummaße kennst. Du stehst im Möbelhaus, siehst ein schönes Sofa – und kaufst es. Zuhause stellst Du fest: Es passt nicht durch die Tür. Oder es passt zwar rein, blockiert aber den Durchgang zur Küche.
Genauso läuft es bei SAP: Du wählst Module und Szenarien, ohne zu wissen, wie Deine tatsächlichen Prozesse fließen. Das Ergebnis: Customizing-Chaos, frustrierte Teams und explodierende Projektkosten.
Typische Probleme bei "SAP vor Prozessen"
Wenn Du SAP-Standards auswählst, bevor Du Deine Prozesslandschaft kennst, triffst Du auf diese Hürden:
Zu viel Customizing → Wartungs-Alptraum
Ohne klare Prozessvorgabe versuchen Teams, SAP an jedes Detail anzupassen. Das Ergebnis: Hunderte individueller Anpassungen, die bei jedem Update Probleme machen. Laut DSAG-Berichten nennen Unternehmen übermäßiges Customizing als eine der Hauptursachen für verzögerte Upgrade-Zyklen [2].
Zu wenig Anpassung → Prozesse passen nicht zur Realität
Oder das Gegenteil: Man nimmt den Standard blind – und merkt später, dass kritische Geschäftsabläufe nicht abbildbar sind.
Silodenken: IT wählt Module, Fachabteilungen werden übergangen
Die IT-Abteilung entscheidet über SAP-Module, während Vertrieb, Einkauf und Produktion nicht eingebunden sind. Die Folge: Das System kann technisch alles – aber die Fachabteilungen können damit nicht arbeiten.
Inkonsistente Datenflüsse zwischen Abteilungen
Ohne Gesamtbild entstehen Insellösungen. Daten werden mehrfach erfasst, Schnittstellen fehlen, Informationen gehen verloren.
Praxisbeispiel: Wenn Zertifizierungen die Prozess-Sicht versperren
Ein produzierendes Unternehmen mit mehreren Niederlassungen weltweit möchte auf SAP S/4HANA umsteigen. Die Ausgangslage wirkt solide: Man ist nach verschiedenen Normen zertifiziert – ISO 9001 (Qualitätsmanagement), ISO 14001 (Umweltmanagement), ISO 27001 (Informationssicherheit). Die Prozesse sind für die jeweilige Norm dokumentiert.
Doch dann zeigt sich das Problem: Es existiert kein Gesamtbild über alle Prozesse hinweg. Jede Norm hat ihre eigene Dokumentation. Wie die Prozesse Ende-zu-Ende zusammenspielen – vom Kundenauftrag über die Produktion bis zur Auslieferung – ist nirgendwo visualisiert.
Die Verantwortlichen kennen das aufwändige Prozedere aus den Zertifizierungen. Eine vollständige Prozesslandschaft wird als "zu aufwändig" eingestuft. Stattdessen entschließt man sich für den vermeintlich schnelleren Weg: Der SAP-Implementierungspartner soll direkt Vorschläge für die Standardprozesse machen.
Die dafür angesetzten Tagewerke der Berater sind knapp bemessen. Auch die Zeit der langjährigen, erfahrenen Mitarbeitenden ist limitiert – sie müssen parallel das operative Geschäft am Laufen halten. Ein konsistentes Bild ist so nicht zu erlangen. Man begnügt sich mit einem "ungefähr läuft es so".
Das Ergebnis:
Sechs Monate später zeigen sich massive Lücken. Prozessbrüche zwischen Vertrieb und Produktion. Liefertermine können nicht zuverlässig zugesagt werden, weil die Materialverfügbarkeit nicht systemseitig geprüft wird. Das Projekt stockt. Die Stimmung kippt. Diese Erfahrung deckt sich mit Berichten aus der Praxis: In Gartner Peer Insights nennen SAP-Anwender unzureichende Prozessklarheit als häufigste Ursache für Projektverzögerungen [4].
Warum scheitern so viele SAP-Projekte an der "Fit-to-Standard"-Idee?
Weil "Fit" eine bewusste Entscheidung voraussetzt: Was passt, was nicht? Diese Entscheidung kannst Du nur treffen, wenn Du Deine Ist-Prozesse transparent kennst. Ohne dieses Bild wählst Du im Blindflug.
AUF DEN PUNKT GEBRACHT
SAP-Standards sind hervorragende Vorlagen – aber nur, wenn Du weißt, wofür Du sie brauchst. Wer Module auswählt, bevor die eigene Prozesslandschaft in ihrer Gesamtheit klar ist, baut auf Sand. Das kostet Zeit, Geld und Akzeptanz im Team.
So gelingt der richtige Weg: Prozesslandschaft ERST
Jetzt kommt die gute Nachricht: Es geht auch anders – und besser. Der Schlüssel liegt in der Reihenfolge. Statt direkt in die SAP-Modulauswahl zu springen, machst Du einen gezielten Zwischenschritt: Du schaffst Transparenz über Deine Prozesslandschaft. Erst wenn Du weißt, welche Prozessketten Dein Unternehmen durchziehen, kannst Du bewusst entscheiden, welche SAP-Standards passen. Lass uns konkret anschauen, wie dieser Weg aussieht.
Schritt 1 – Deine Prozesslandschaft transparent machen
Warum die Prozesslandkarte am Anfang steht
Ich empfehle Dir dringend, zuerst die Prozesslandkarte zu erarbeiten, um Deine wertschöpfenden Prozessketten greifbar zu formulieren. Warum? Weil sie Dir das Gesamtbild liefert, das Du für alle weiteren Entscheidungen brauchst.
Unter Verwendung des Giersberg®-Prozessmodells werden die Prozessketten und die daran beteiligten Prozesse in ihrer zeitlich-logischen Folge sichtbar. Erst wenn klar ist, welche Prozessketten Dein Unternehmen durchziehen – etwa "Wasseraufbereitungsanlagen verkaufen, montieren und liefern" oder "Ersatzteile verkaufen" – verstehst Du die Zusammensetzung und kannst die einzelnen Prozesse sinnvoll identifizieren.
Ohne diese Klarheit tappst Du im Dunkeln. Mit ihr hast Du eine verlässliche Landkarte in der Hand.
Process Discovery: Die richtigen Prozesse finden
Nach der Prozessidentifikation – der sogenannten Process Discovery – sollten die für die SAP-Einführung relevanten Prozesse in einem mittleren Detaillierungsgrad aufgenommen werden. Im Giersberg®-Prozessmodell entspricht das der Ebene "Geschäftsprozess".
Was heißt das konkret?
Du gehst nicht bis ins kleinste Detail (z.B. jede einzelne Eingabemaske), aber auch nicht zu oberflächlich. Du dokumentierst die wesentlichen Aktivitäten, Verantwortlichkeiten und Übergabepunkte zwischen Abteilungen.
Erst dann – wenn diese mittlere Detailebene steht – kann die Fit-to-Standard-Analyse erfolgen. Denn jetzt weißt Du:
- Welche Prozessschritte gibt es?
- Wer ist beteiligt?
- Wo liegen heute Brüche oder Medienbrüche?
- Welche Informationen werden wo gebraucht?
Mit diesem Wissen kannst Du die SAP-Szenarien gezielt darauf mappen – nicht umgekehrt. Best-Practice-Empfehlungen von Gartner unterstreichen: Eine detaillierte Prozessanalyse vor der ERP-Auswahl reduziert das Projektrisiko deutlich [4].
Was Dir die fertige Prozesslandkarte bringt
Nach Fertigstellung der Prozesslandkarte nach dem Giersberg®-Prozessmodell sind Anzahl, Titel, Ausführungsort der Prozesse klar – und ebenso deren Zusammenspiel in Prozessketten. Damit kannst Du die Aufnahme der Prozessausführung als Projekt gut planen.
Kein Hoffen mehr, "auf dem Weg die Prozesse zu finden". Keine endlosen Diskussionen mit Kolleg:innen, weil jede:r etwas anderes unter "Prozess" versteht. Stattdessen hast Du eine handfeste Planungsgrundlage.
Damit kannst Du Zeit und Ergebnis – je nach bewilligten Ressourcen – gut prognostizieren. Du weißt:
- Wie viele Prozesse müssen detailliert werden?
- Welche Abteilungen sind einzubinden?
- Wie viel Aufwand bedeutet die Fit-to-Standard-Analyse realistisch?
Das gibt Dir Sicherheit – und Deinem Projekt Rückenwind.
AUF DEN PUNKT GEBRACHT
Die Prozesslandkarte ist Dein Kompass für die SAP-Auswahl. Sie zeigt Dir, wo Du hinwillst – und erst dann wählst Du das passende Transportmittel (sprich: die SAP-Standards). Ohne Kompass irrst Du durchs Gelände.
Schritt 2 – SAP-Standards auf DEINE Prozesse mappen
Jetzt kommt die IT-Expertise ins Spiel
Sobald Deine Prozesslandkarte steht und die relevanten Geschäftsprozesse dokumentiert sind, beginnt die Fit-to-Standard-Analyse. Das ist der Moment, in dem Dein SAP-Implementierungspartner ins Spiel kommt.
Seine Aufgabe: Die dokumentierten Prozesse mit den verfügbaren SAP-Standardszenarien abgleichen. Wo passt ein Standard-Prozessfluss? Wo sind Anpassungen nötig? Welche Konfigurationsmöglichkeiten bietet SAP von Haus aus?
Deine Aufgabe bleibt dabei klar: Du lieferst das fachliche Fundament – die transparente Prozesslandschaft. Der Implementierungspartner bringt die technische SAP-Kompetenz ein.
Der entscheidende Unterschied zu vorher:
Jetzt arbeitet Ihr auf Augenhöhe. Der Berater schlägt nicht mehr ins Blaue hinein Module vor. Ihr mappt gemeinsam und strukturiert Deine dokumentierten Prozesse auf die SAP-Standards. Das Gespräch dreht sich nicht mehr um "Was kann SAP?", sondern um "Wie unterstützt SAP UNSERE Prozesse optimal?"
Was in dieser Phase passiert
In strukturierten Workshops gehen Dein Team und der Implementierungspartner Prozess für Prozess durch:
- Prozess X: Welches SAP-Szenario passt am besten?
- Anpassungen: Wo sind Konfigurationen (Standard-Einstellungen) ausreichend – wo braucht es echtes Customizing (Programmierung)?
- Schnittstellen: Wie fließen Daten zwischen den Prozessen? Welche SAP-Module greifen ineinander?
Das Ergebnis: Eine dokumentierte Zuordnung, die zeigt:
- Welche SAP-Standards Du nutzt
- Wo Du vom Standard abweichst (und warum)
- Welche Konfigurationen nötig sind
Diese Dokumentation ist Gold wert – für die Implementierung, fürs spätere Upgrade und für neue Mitarbeitende, die das System verstehen müssen.
AUF DEN PUNKT GEBRACHT
Du bringst das Wissen um die Prozesslandschaft Deines Unternehmens, der Implementierungspartner die SAP-Expertise.
Zusammen entsteht eine tragfähige Lösung – statt eines Systems, das niemand wirklich versteht.
Schritt 3 – Bewusst entscheiden: Standard vs. Customizing
Eine Entscheidung mit Tragweite
An einigen Stellen werdet Ihr in der Fit-to-Standard-Analyse vor der Frage stehen: Standard-Szenario nehmen oder individuell anpassen?
Diese Entscheidung triffst Du – denn Du kennst Dein Geschäftsmodell. Der SAP-Implementierungspartner zeigt Dir die technischen Optionen und Konsequenzen auf. Aber die strategische Entscheidung liegt bei Dir: Ist diese Besonderheit wirklich geschäftskritisch – oder können wir unseren Prozess angleichen?
Diese Abwägung ist keine reine IT-Frage. Sie ist eine Geschäftsentscheidung mit langfristigen Auswirkungen auf Wartungskosten, Update-Fähigkeit und Systemstabilität.
Typische Entscheidungskriterien
Dein Implementierungspartner wird Dich durch diese Abwägung führen. Typische Fragen, die dabei gestellt werden:
Wann macht Customizing Sinn?
- Der Prozess ist wettbewerbsentscheidend und unterscheidet Dich am Markt
- Gesetzliche/regulatorische Anforderungen erfordern die Anpassung
- Der SAP-Standard deckt eine echte Geschäftsanforderung nicht ab
Wann solltest Du beim Standard bleiben?
- Der Prozess ist administrativ/unterstützend (z.B. Reisekostenabrechnung)
- Die Anforderung basiert auf Gewohnheit ("haben wir schon immer so gemacht"), nicht auf echtem Bedarf
- Der Standard erfüllt 80% der Anforderung – und die restlichen 20% sind "nice to have"
Die Faustregel aus der Praxis:
Je näher ein Prozess am Kern Deines Geschäftsmodells liegt, desto eher rechtfertigt sich eine Anpassung. Bei unterstützenden Prozessen gilt: Standard first. Laut Gartner-Analysten senken standardnahe ERP-Implementierungen die Total Cost of Ownership um bis zu 30% und beschleunigen die Time-to-Value signifikant [4].
Wann sollte ich vom SAP-Standard abweichen?
Nur wenn der Prozess geschäftskritisch ist und der Standard eine echte Anforderung nicht abdeckt. "Das haben wir schon immer so gemacht" ist kein ausreichender Grund – das wird teuer.
AUF DEN PUNKT GEBRACHT
Jedes Customizing kostet Dich bei jedem Update Zeit und Geld. Wähle Deine Schlachten weise: Passe an, wo es wirklich zählt. Nimm den Standard, wo er funktioniert. Dein künftiges IT-Team wird es Dir danken.
Warum dieser Ansatz nachhaltiger ist
Du hast jetzt gesehen, wie der richtige Weg aussieht: Prozesslandschaft erst, SAP-Standards dann.
Doch warum lohnt sich dieser scheinbare "Umweg"? Weil er Dich langfristig schneller, flexibler und günstiger macht. Die Investition in Prozesstransparenz zahlt sich mehrfach aus – nicht nur bei der SAP-Einführung selbst, sondern über Jahre hinweg. Lass uns konkret anschauen, welche Vorteile dieser Ansatz Dir bringt.
Die handfesten Vorteile für Dein Unternehmen
Weniger Wartungsaufwand – näher am Standard
Je näher Du am SAP-Standard bleibst, desto einfacher werden Updates und Upgrades. Anpassungen müssen bei jedem Release geprüft und oft nachgezogen werden. Mit einer klaren Prozesslandschaft entscheidest Du bewusst, wo Customizing wirklich nötig ist – statt aus Unwissenheit überall anzupassen.
Schnellere Updates und Upgrades
SAP entwickelt seine Standards kontinuierlich weiter. Wenn Dein System nah am Standard läuft, kannst Du diese Weiterentwicklungen nutzen – ohne monatelange Anpassungsprojekte. Das hält Dich technologisch auf dem neuesten Stand. Laut DSAG-Berichten verkürzen Unternehmen mit standardnaher Implementierung ihre Upgrade-Zyklen deutlich [2].
Bessere Skalierbarkeit
Wächst Dein Unternehmen? Kommen neue Standorte oder Geschäftsbereiche hinzu? Mit einer klaren Prozesslandschaft und standardnaher SAP-Implementierung kannst Du neue Einheiten deutlich schneller anbinden. Die Prozesslogik ist dokumentiert, die SAP-Konfiguration ist nachvollziehbar.
Mitarbeitende verstehen die Logik
Wenn Deine SAP-Implementierung auf dokumentierten, nachvollziehbaren Prozessen basiert, können neue Mitarbeitende sich schneller einarbeiten. Sie verstehen nicht nur "Wo klicke ich?", sondern "Warum läuft es so?" Das ist der Unterschied zwischen systemgetriebenem und prozessorientiertem Arbeiten. Das Fraunhofer IAO zeigt in Studien: Unternehmen mit transparenter Prozesslandschaft erzielen signifikant höhere Mitarbeiterakzeptanz bei ERP-Einführungen [3].
Grundlage für weitere Digitalisierung
Eine transparente Prozesslandschaft ist der Ausgangspunkt für Prozessautomatisierung, KI-Integration und weitere Digitalisierungsschritte. Du hast die Basis gelegt, auf der Du aufbauen kannst.
Der Weg zur prozessorientierten Organisation
Dieser Ansatz ist mehr als eine SAP-Einführungsmethode. Er ist ein Schritt in Richtung prozessorientierte Organisation – und damit zu mehr Effizienz, Transparenz und Agilität.
In einer prozessorientierten Organisation sind nicht mehr Abteilungsgrenzen entscheidend, sondern der Fluss der Wertschöpfung. Alle wissen, wie ihre Arbeit ins große Ganze einzahlt. Schnittstellen funktionieren reibungsloser. Entscheidungen werden schneller getroffen, weil klar ist, wer wofür verantwortlich ist.
Die SAP-Einführung mit Prozesslandschaft als Fundament ist oft der Katalysator für diese Transformation. Du schaffst nicht nur ein neues IT-System – Du legst den Grundstein für eine nachhaltigere Art zu arbeiten. Eine Art, die Mensch, Wirtschaftlichkeit und Umwelt gleichermaßen im Blick behält. Prozessorientierte Organisationen sind laut Fraunhofer IAO agiler und anpassungsfähiger – gerade in volatilen Märkten [3].
AUF DEN PUNKT GEBRACHT
Die Prozesslandschaft vor SAP ist keine Verzögerung – sie ist Deine Beschleunigung.
Sie erspart Dir Jahre an Wartungsaufwand, macht Dich flexibel für künftige Anforderungen und schafft Klarheit für alle Beteiligten. Das ist nachhaltige Digitalisierung.
FAZIT: Der Schlüssel liegt in der richtigen Reihenfolge
SAP Standardprozesse sind ein mächtiges Werkzeug – aber nur, wenn Du sie richtig einsetzt. Der entscheidende Erfolgsfaktor liegt nicht in der SAP-Technologie selbst, sondern in der Vorbereitung: Deiner transparenten Prozesslandschaft.
Wenn Du zuerst verstehst, welche Prozessketten Dein Unternehmen durchziehen, welche Prozesse beteiligt sind und wie sie zusammenspielen, triffst Du bewusste Entscheidungen. Du wählst SAP-Standards gezielt aus – statt blind Module zu implementieren und zu hoffen, dass sie passen.
Der Weg ist klar:
- Prozesslandkarte erarbeiten (mit dem Giersberg®-Prozessmodell)
- Relevante Geschäftsprozesse dokumentieren (mittlerer Detaillierungsgrad)
- Gemeinsam mit Deinem SAP-Partner die Fit-to-Standard-Analyse durchführen
- Bewusst entscheiden: Wo Standard, wo Anpassung?
Dieser Ansatz kostet Dich am Anfang etwas Zeit – aber er spart Dir Jahre an Wartungsaufwand, Frustration und Kosten. Er macht Dich flexibler für künftige Anforderungen und schafft eine Basis für echte digitale Transformation.
Du hast dann nicht nur ein neues SAP-System. Du hast eine prozessorientierte Organisation, die weiß, wie sie ihre Wertschöpfung steuert – heute und morgen. Das ist nachhaltige Digitalisierung im besten Sinne.
FAQ
End-to-End-Prozesse beschreiben den vollständigen Ablauf vom Startereignis in zeitlich-logischer Folge über alle Abteilungen hinweg bis hin zum Ergebnis. Typische Beispiele: Order-to-Cash (vom Kundenauftrag bis zur Zahlung), Purchase-to-Pay (vom Bedarf bis zur Lieferantenzahlung), Plan-to-Produce (von der Planung bis zum fertigen Produkt) oder Hire-to-Retire (von der Einstellung bis zum Austritt). Die konkrete Ausgestaltung der End-to-End-Prozesse hängt von Deinem Geschäftsmodell ab.
End-to-End-Prozesse beschreiben eine zweckorientierte Sicht mit dem Ziel, diese in einem IT-System abzubilden. Hier lautet die Frage: Welche Prozessketten durchziehen mein Unternehmen? Die Prozessabbildung sollte zunächst neutral auf Basis der Aufbauorganisation die Zusammenarbeit der Abteilungen – die Ablauforganisation – zeigen. Hierzu können dann die SAP-Standards herausgesucht werden. SAP Standardprozesse sind die technischen Abbildungen dieser fachlichen Prozessketten im SAP-System.
Für die SAP-Auswahl brauchst Du zuerst die Kenntnis, welche Prozessketten es gibt und aus welchen Prozessen sie sich zusammensetzen. Die relevanten End-to-End-Prozesse für die IT-Implementierung sind dann in einem mittleren Detaillierungsgrad – die Ebene der Geschäftsprozesse – nach dem Giersberg®-Prozessmodell abzubilden. Das bedeutet: wesentliche Aktivitäten, Verantwortlichkeiten und Übergabepunkte zwischen Abteilungen dokumentieren – nicht jedes Detail, aber auch nicht zu oberflächlich.
Das ist seltener als gedacht – SAP deckt die meisten Branchen-Prozesse ab. Falls doch: Prüfe erst, ob eine Prozess-Anpassung auf Deiner Seite möglich ist (Fit-to-Standard statt Customizing). Wenn der Prozess wirklich geschäftskritisch und einzigartig ist, bleibt Customizing – aber dokumentiere genau, warum. Oft zeigt sich: Was als "einzigartig" gilt, ist eine Gewohnheit, kein echtes Differenzierungsmerkmal. Dein SAP-Partner hilft Dir bei dieser Bewertung.
Das hängt von Deiner Unternehmensgröße und Prozess-Komplexität ab. Als Richtwert: Die Prozesslandkarte für ein mittelständisches Fertigungsunternehmen (200-500 Mitarbeitende) entsteht in 4-8 Wochen. Die anschließende Fit-to-Standard-Analyse mit dem SAP-Partner dauert weitere 2-4 Wochen. Das klingt nach viel? Es ist die Investition, die Dir später 6-12 Monate Projekt-Chaos erspart. Mit klarer Prozesslandschaft läuft die SAP-Implementierung deutlich reibungsloser.
Nein – die Prozesslandkarte ist ein strategisches Asset, das über die SAP-Einführung hinaus Bestand hat. Einmal erstellt, sollte Dein Unternehmen sie genauso sorgfältig wie das Organigramm pflegen. Organigramm und Prozesslandkarte hängen zusammen – das Giersberg®-Prozessmodell erklärt dies gut. Das Bild der Prozesslandschaft sollte beispielsweise genutzt werden, um zu zeigen, wie SAP technisch auf den fachlichen Prozess bzw. die Prozesskette umgesetzt wurde.
Indem Du sie SAP-neutral erstellst – also aus fachlicher Sicht, nicht aus IT-Sicht. Beschreibe erst, WIE Dein Unternehmen arbeitet (Prozessketten, Prozesse, weiterführende Regelungen – nach dem Giersberg®-Prozessmodell). Danach mappt Dein SAP-Partner diese fachliche Sicht auf die technischen SAP-Standards. Würdest Du die Prozesslandkarte direkt nach SAP-Logik aufbauen, verlierst Du die Neutralität – und damit die Chance, bewusst zwischen Standard und Anpassung zu wählen.
Quellen
[1] SAP Community (2024): "What is the 'Standard' in Fit-to-Standard". Online verfügbar unter: https://community.sap.com/t5/enterprise-resource-planning-blog-posts-by-sap/what-is-the-quot-standard-quot-in-fit-to-standard/ba-p/13582858
[2] DSAG – Deutschsprachige SAP-Anwendergruppe e.V. (2023): Investitionsreport 2023. Online verfügbar unter: https://www.dsag.de/
[3] Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO): Studien zu Digitaler Transformation & Prozessmanagement. Online verfügbar unter: https://www.iao.fraunhofer.de/
[4] Gartner Research: Market Guides und Peer Insights zu Cloud ERP und SAP S/4HANA. Online verfügbar unter: https://www.gartner.com/

